Mehr als 400 Jahre altes Buch im Sozialkaufhaus in Flörsheim wiedergefunden

veröffentlicht 04.09.2026, Dekanat Kronberg

Überraschender Fund in Flörsheim: Historischer Druck von 1594 kehrt nach über 80 Jahren aus dem Sozialkaufhaus in die Staatsbibliothek zu Berlin zurück.

Ein wertvoller historischer Druck, der seit dem Zweiten Weltkrieg als verschollen galt, hat auf abenteuerlichen Wegen über das Flörsheimer Sozialkaufhaus „Tisch und Teller“ seinen Weg zurück an seinen rechtmäßigen Platz gefunden. Der Band „Pauli Sententiae“ wurde bei einer Buchspende entdeckt und konnte dank aufmerksamer Mitarbeiter und institutsübergreifender Recherche identifiziert werden. 

1594 wurde der Band in Nürnberg gedruckt und von Elias Rittershusius (1560-1613), einem niederländischen Humanisten, Jurist und Hochschullehrer an der Universität Altdorf, dem Hochschulsitz der Stadt Nürnberg herausgegeben. Bei der in Latein veröffentlichten Schrift handelt es sich um ein spätantikes Rechtsbuch, welches dem römischen Juristen Julius Paulus zugeschrieben wird, der im frühen 3. Jahrhundert lebte. Die Rekonstruktion des antiken Textes von Paulus geht auf den französischen Juristen Jacques de Cujas (1522–1590) zurück.

Die Aufklärung der Herkunft des historischen Bandes glich einer detektivischen Spurensuche. Maßgeblich daran beteiligt waren Andrea Langner von der Sondersammlung der Universitätsbibliothek (UB) Erfurt und Michaela Scheibe von der Staatsbibliothek zu Berlin. Die Recherchen förderten eine faszinierende Geschichte zutage: Das Buch weist einen alten Stempel der „Königlichen Bibliothek zu Erfurt“ sowie das Exlibris (Eigentumsnachweis) von Philipp Wilhelm von Boineburg auf. Das Buch war ursprünglich Teil der 850 Bände umfassenden Bibliothek von Robert Königsmann, einem Straßburger Professor für Rhetorik. Johann Christian von Boineburg kaufte die Sammlung nach dessen Tode auf und vererbte sie selbst an seinen Sohn Philipp Wilhelm, welcher Kurmainzer Statthalter Erfurts war.

Die Erfurter Universität erhielt die Sammlung Boineburgs als Schenkung und veräußerte sie im Jahr 1908 mit weiteren Beständen an die damalige Königliche Bibliothek zu Berlin (heute Staatsbibliothek zu Berlin). Mit großer Wahrscheinlichkeit wurde der Band im Zweiten Weltkrieg aus Berlin nach Hessen in das Kalibergwerk Hattorf ausgelagert und kam im Zuge dieser Aktion abhanden. Seit 1945 galt das Buch deshalb offiziell als Kriegsverlust.

Dass der Band nun, über 80 Jahre nach Kriegsende, wieder in der Berliner Staatsbibliothek aufgenommen werden kann, ist ein großer Grund zur Freude. Die Rückführung solch alter und bedeutender Bücher an ihren angestammten Platz ist für Bibliotheken und die historische Forschung von unschätzbarem Wert. Sie schließt schmerzhafte Bestandslücken, die durch die Wirren des Zweiten Weltkriegs entstanden sind, und sichert das kulturelle Erbe für kommende Generationen.

Dieser Fund richtet den Blick auf „Tisch und Teller“ als soziales und nachhaltiges Kaufhaus, welches auch einen wichtigen Aspekt zur Kulturerhaltung beiträgt. Neben Büchern, werden hier auch andere Haushaltswaren wie Service oder alte Möbelstücke angeboten, welche von der Vernichtung verschont wurden. Jeder Gegenstand bietet einen kleinen Einblick in vergangene Zeiten. Für seinen täglichen Betrieb ist das Kaufhaus zwingend auf Spenden aus der Bevölkerung angewiesen. Obwohl es einen unverzichtbaren Beitrag zur Nachhaltigkeit und sozialen Teilhabe leistet, ist die Einrichtung bedauerlicherweise immer wieder von der Schließung bedroht. Der aktuelle Fund unterstreicht, wie viel Achtsamkeit und Engagement die Mitarbeitenden und Teilnehmenden des Unterstützungsangebots, welches in Kooperation mit dem Kommunalen Jobcenter angeboten wird, dort selbst bei der Durchsicht von Routinespenden an den Tag legen.

Mehr zum Projekt unter www.tisch-teller.de sowie im Videobeitrag auf YouTube.

Die Staatsbibliothek zu Berlin wird die Rückkehr des Bandes in ihrer Instagram-Serie „#Heimkehrer“ würdigen. Auch im Blog der UB Erfurt soll die „abenteuerliche Reise“ des Buches bald Thema sein – ein wunderbares Beispiel dafür, wie ein kleines Sozialkaufhaus in Flörsheim einen bedeutenden Beitrag zum Erhalt unserer Kulturgeschichte leisten kann.